Biographie Dr. h.c. Michail Sergejewitsch Gorbatschow

Der als Kind einer Bauernfamilie am 2. März 1931 in Priwolnoje im Nordkaukasus geborene Gorbatschow arbeitete neben seiner schulischen Ausbildung in der Maschinen-Traktoren-Station einer Kolchose und trat in dieser Zeit dem kommunistischen Jugendverband Komsomol bei. Während seines Studiums der Rechtswissenschaften von 1950 bis 1955 in Moskau wurde er 1952 Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Von 1955 bis 1966 arbeitete Gorbatschow als erster Sekretär des Stadtkomitees des Komsomol in Stawropol, als Zweiter bzw. Erster Sekretär des Komsomolkomitees der Region Stawropol und als Leiter der Abteilung Parteiorgane des Regionalkomitees dieses Gebietes in der KPdSU. Der Aufstieg setzte sich von 1966 bis 1978 über die Stationen als Erster Sekretär der KPdSU im Stadtkomitee Stawropol, als Zweiter Sekretär der KPdSU des Regionalkomitees Stawropol zum Ersten Sekretär dieser Partei in diesem Gebiet fort. 1967 schloss Gorbatschow ein Zweitstudium als Agraringenieur ab und entwickelt sich zu Agrarexperten.

Gorbatschow war ab 1970 als Landwirtschaftsfachmann Mitglied des Obersten Sowjets der Sowjetunion und von 1971 bis 1991 Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU. Gefördert vom ehemaligen Chef der sowjetischen Geheimpolizei und späteren Generalsekretär der KPdSU, Jurij Andropow, konnte Gorbatschow erste Erfahrungen im westlichen Ausland sammeln und arbeitete von 1978 bis 1985 als Sekretär für Landwirtschaft im Zentralkomitee. Als erster Politiker der Nachkriegsgeneration wurde der Funktionär 1979 Kandidat und 1980 Vollmitglied des Politbüros. Jetzt gehörte er zu den mächtigsten Männern der Sowjetunion und übernahm während der Erkrankung Andropows teilweise dessen Vertretung. Nach dem Tod Andropows und des ihm nachfolgenden Konstantin Tschernenko wurde Gorbatschow 1985 mit nur 54 Jahren Generalsekretär der KPdSU. Er setzte sich jetzt für eine bessere Arbeitsqualität in Industrie, Landwirtschaft und Verwaltung ein und bekämpfte Korruption sowie Alkoholismus. Gleichzeitig setzte er sich für internationale Entspannung ein und war zu Rüstungskontrollverhandlungen in allen Bereichen bereit. Eine wirtschaftliche Beschleunigung sollte durch einen grundlegenden Umbau der Gesellschaft, eine Perestrojka, erreicht werden, Eigeninitiative der Werktätigen war zu fördern und marktwirtschaftliche Elemente einzuführen. Durch Glasnost, die Öffnung der Gesellschaft, sollten eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und eine offene Diskussion über gegenwärtige Probleme erreicht werden.

Von 1985 bis 1988 war Gorbatschow auch Mitglied des Präsidiums des Obersten Sowjets, dann Vorsitzender dieses Sowjets und damit Staatsoberhaupt sowie bis 1991 Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der UdSSR. In diesen Funktionen unternahm er immer wieder besonders gegenüber den USA Abrüstungsvorstöße und zog im Februar 1988 alle sowjetischen Truppen aus Afghanistan ab. Im Juli 1989 gestand Gorbatschow den Mitgliedsstaaten des Warschauer Vertrages das Recht auf eigene Entwicklung zu und hob so die „Breshnew-Doktrin“ auf. Zwar konnte von einer bestimmenden Rolle Gorbatschows bei der Vorbereitung der deutschen Einheit nicht gesprochen werden, doch war es sein großes Verdienst, dass er gegen die Friedliche Revolution in der DDR nicht die im Lande stationierten sowjetischen Truppen einsetzte. Lange hielt er an der deutschen Zweistaatlichkeit fest und erst Ende Januar 1990 kam die Kehrtwende in der Frage der deutschen Einheit und im Februar die Zustimmung zu ihr. Aber weiterhin bestand Gorbatschow unmissverständlich darauf, dass ein vereintes Deutschland nicht der NATO angehören dürfe.

Insgesamt hatte Gorbatschow Prozesse in Gang gesetzt, die zum Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums führten und die deutsche Wiedervereinigung ermöglichten. Allerdings hatte er dies nicht beabsichtigt, sondern war mit seiner Reformpolitik gescheitert, hatte aber auch nicht versucht, dies durch die Einsetzung militärischer Gewalt zu verhindern. Reformen konnten das kommunistische Herrschaftssystem nicht mehr retten und die Geschichtsdiskussion entzog der marxistisch-leninistischen Ideologie ihre Basis. Dies traf Gorbatschow unerwartet, er fand kein Mittel gegen den Niedergang, war sich über die Konsequenzen seines Handelns wohl oft auch nicht im Klaren und liquidierte so das kommunistische Imperium wider Willen.

Zu diesem Zeitpunkt war die Situation in Moskau von internen Streitigkeiten geprägt. Zwar wurde Gorbatschow im März der erste gewählte Staatspräsident der Sowjetunion und kündigte einen „kontrollierten Übergang“ zur Marktwirtschaft an, doch konnte er damit und durch die Beendigung des „Kalten Krieges“ die Sowjetunion nicht stabilisieren. Sowohl die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, besonders die Lebensmittelknappheit, als auch die Unabhängigkeitsbestrebungen nichtrussischer Nationalitäten verschärften sich schnell. Am 31. Mai stimmte Gorbatschow in Washington zur größten Verblüffung seiner Verhandlungspartner der freien Bündniswahl und damit der de facto NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschland zu. Am 15. Juli bestätigte er dieses Zugeständnis bei einem Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl im Kaukasus. Die Bedingung blieb jedoch, dass auch nach der Vereinigung auf dem Boden der DDR keine Streitkräfte der NATO stehen dürfen. Schließlich unterzeichnete auch die Sowjetunion, der die Bundesrepublik finanzielle Unterstützung zugesagt hatte, am 12. September 1990 den „2+4 – Vertrag.“, der dem vereinten Deutschland die volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten gewährte.

In der Sowjetunion selbst verstärkten sich die Auseinandersetzungen, als Gorbatschow nach dem Scheitern seiner anfänglichen Deutschlandpolitik das Ende des Warschauer Paktes verkündete und es allen Republiken freistellte, unter verfassungsmäßigen Bedingungen die Sowjetunion zu verlassen. Im August 1991 versuchten reformfeindliche Kräfte Gorbatschow zu stürzen. Besonders durch den Widerstand des russischen Präsidenten Boris Jelzin brach der Putsch jedoch schnell zusammen. Trotzdem beschleunigte sich der politische Abstieg Gorbatschows, der nach dem Verbot der KPdSU auf russischem Boden durch Jelzin zusammen mit diesem die UdSSR zum 21. Dezember 1991 auflöste. Danach trat Gorbatschow als sowjetischer Präsident zurück.

Ab 1992 ist Gorbatschow Präsident der „Stiftung für Politik, Wirtschaft und Sozialforschung“, wurde Kolumnist internationaler Zeitschriften und verteidigte seine als sozialdemokratisch verstandene Politik in zahlreichen Reden und Schriften. Am 8. Oktober 2.009 war er Mitbegründer der Unabhängigen Demokratischen Partei Russlands, die jedoch bisher keinen politischen Einfluss gewinnen konnte. Gorbatschow genießt international großes Ansehen und wurde vielfältig – so mit der Sonderstufe des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland – ausgezeichnet. Dabei ist jedoch die Verleihung des Friedensnobelpreises 1990 am wichtigsten. Gorbatschow ist verwitwet und Vater einer Tochter.

Quelle: Dieser Text wurde von Prof. Dr. habil. Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forum Leipzigs, zur Verfügung gestellt.

 

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