Biographie Dr. h.c. Lech Michal Walesa

Lech Walesa wurde am 29. September 1943 in Popowo als Sohn eines katholischen Zimmermanns geboren, der 1945 als Folge der Haft in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager verstarb. Walesa ließ sich zum Elektriker in einer staatlichen Landwirtschaftsschule ausbilden, diente danach zwei Jahre in der polnischen Armee und arbeitete als Automechaniker. Auf der Danziger Lenin-Werft, wo er ab 1966 arbeitete, kam es 1970 wegen der hohen Lebensmittelpreise zu Unruhen, bei denen mehr als 100 Menschen ums Leben kamen. Nachdem Walesa 1976 wegen der Beteiligung an weiteren Protesten entlassen worden war, musste er seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten ernähren, konnte jedoch von 1980 bis 1981 erneut auf der Werft arbeiten.

Walesa engagierte sich politisch in den Arbeiterselbstverteidigungskomitees, redigierte eine Untergrundzeitung und war Gründungsmitglied einer ersten freien Gewerkschaft an der polnischen Küste. Zwischen 1976 und 1980 geriet der Oppositionelle mehr als hundert Mal in Haft und engagierte sich 1980 in der Streikbewegung der Arbeiter der Lenin-Werft gegen eine Fleischpreiserhöhung durch die Regierung. Hier wurde er zum Vorsitzenden des Streikkomitees gewählt, aus dem sich das Nationale Koordinationskomitee der freien Gewerkschaft Solidarnosc entwickelte und das in Verhandlungen mit der kommunistischen Regierung weitgehende Freiheitsrechte erreichen konnte. Aus der Streikbewegung ging die unabhängige Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc mit zehn Millionen Mitgliedern hervor, dessen nationalem Exekutivkomitee Walesa von 1981 bis 1990 vorstand.

Die Gewerkschaft wuchs zu einer derartig bedeutenden politischen Kraft, dass die Kommunisten General Wojciech Jaruzelski zum Regierungschef ernannten, der am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht ausrief. Wie alle Führer der Solidarnosc wurde auch Walesa inhaftiert und die Gewerkschaft zerschlagen. Nach seiner Haftentlassung am Anfang des Jahres 1983 konnte der Dissident formal wieder als Arbeiter auf der Lenin-Werft arbeiten, stand aber bis 1987 de facto unter Hausarrest. Trotzdem organisierte er die Gewerkschaftsbewegung im Untergrund und erfuhr eine persönliche Stärkung durch die Verleihung des Friedensnobelpreises 1983, den er jedoch nicht persönlich in Oslo in Empfang nahm.

Nach einer weiteren Welle „wilder“ Streiks in ganz Polen verhandelte die Regierung im Herbst 1988 mit Walesa als Vorsitzendem des Streikkomitees auf der Werft in Danzig, der daraufhin die Streiks abbrechen ließ. Solidarnosc wurde im Frühjahr 1989 legalisiert und zwang die Regierung ab Februar des Jahres zu Gesprächen am „Runden Tisch“, wo Walesa Wortführer der Nicht-Regierungsseite war. Ein Ergebnis dieser Gespräche waren freie Wahlen, die für die kommunistischen Herrscher und für das gesamte sowjetische Herrschaftssystem zu einem Desaster gerieten. Zum ersten nichtkommunistischen Ministerpräsident wählten die Polen den Solidarnosc-Kandidaten Tadeusz Mazowiecki und kürten Walesa im Dezember 1990 zum Präsidenten, ein Amt, das er bis 1995 wahrnahm Die politische Bedeutung von Solidarnosc ging unter den Bedingungen einer freien und marktwirtschaftlichen Gesellschaft jedoch stark zurück und damit auch die politischen Handlungsoptionen Walesas, der 1995 das Lech-Walesa-Institut gründete. Dieses Institut ist der Bewahrung des Nationalen Erbes, Forschungen zur Zeitgeschichte und zur Solidarnocs und der Werbung für Polen in der ganzen Welt verpflichtet.

Lech Walesa ist verheiratet und hat acht Kinder. Neben dem Friedensnobelpreis ist er Träger vielfacher höchster Auszeichnungen und besitzt Dutzende Ehrendoktortitel. Zum 1. Januar 2.006 trat Walesa aus der Solidarnocs aus, da er eine Zusammenarbeit mit der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ ablehnte.

Quelle: Dieser Text wurde von Prof. Dr. habil. Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forum Leipzigs, zur Verfügung gestellt.

 

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